Ein Designstudium nur für Handwerker? Wo gibt´s denn sowas? Kannten wir auch nicht, bis wir per Zufall auf der Imm Cologne vor 2 Jahren darauf gestoßen sind. Unsere Tochter Fee, die kur vor ihrer Gesellenprüfung stand, war sofort Feuer und Flamme. In Münster wird von der Handwerkskammer ein Studium angeboten, zu dem man nur mit einer abgeschlossenen handwerklichen Ausbildung zugelassen wird. Es gibt dort viele Tischler, Metallbauer, Raumausstatter, SchneiderInnen, wenige Maler und noch so einige andere Handwerke. Jeder lernt dort auch Grundkenntnisse aus anderen Gewerken kennen, so dass eine unfassende Bildung in allen Bereichen des Handwerks enwickelt wird. Fee durfte schon in der Schreinerwerkstatt Holz verarbeiten, nähen, fotografieren, Metall bearbeiten und vieles mehr.

Man kann dort nach 1,5 Jahren den „Gestalter im Handwerk“ absolvieren oder nach weiteren 1,5 Jahren das Studium mit dem Designer (HWK) abschließen. Für Fee waren jetzt gerade die ersten 1,5 Jahre vorbei und sie musste als Zwischenprüfung zum Designer ein eigenes Projekt entwickeln, das sie dann gerne an ihren ursprünglichen Beruf anlehnen wollte.

Halbzeit Vernissage

Halbzeit Vernissage

 

Die feierliche Ausstellungseröffung, in der alle Studenten ihre Zwischenprüfungsprojekte vorstellen und bei der dann auch öffentlich die Zeugnis verteilt werden, konnten wir uns natürlich nicht entgehen lassen. In dem wunderschönen Haus Kump in Münster erwartete uns eine Ausstellung mit wirklich großartigen Werken der Prüflinge. Viele Möbel, Tische, Stühle, Regalsysteme, Sessel, Couches, Lampen, innenarchitektonische Entwürfe, Fotografien und vieles mehr wurden als Abschlußarbeit der „Halbzeit“ vorgestellt wurde.

 

 

Fee (war ja irgendwie naheliegend) hat sich mit Farben beschäftigt. Sie hat eine Farbkollektion entwickelt, die traditionsreiche Farbtönen mit geschichtlichem Hntergrund mit jungen Trendfarben der letzten Jahre kombiniert und daraus eine tolle, absolut gebrauchstüchtige Kollektion an Farbtönen entwickelt, die in der heutigen Farbgestaltung wunderbar eingesetzt werden kann. Dazu hat sie ein Buch gedruckt, in dem jedes Farbmuster im Originalton per Hand getrichen wurde aber auch zu jedem Ton die Geschichte aufgeschrieben wurde. Die Kollektion besteht einmal aus neutralen Tönen, einmal aus Akzentfarbtönen. Sie hat ein geschicktes System erfunden, die Farbkarten einzeln entnehmen zu können um sie an die Wand halten zu können, sowie verschiedene Werkzeuge, um Kunden eine bestmögliche, anschauliche Beratung anbieten zu können. Der eigenwille Name „Elefantenpink“ soll aufrufen, Farben bewußt wahrzunehmen, neu zu überdenken und auch mal in ungewöhnlichen Kombinationen einzusetzen.

Alle 35 Prüflinge wurden bei der Zeugnisübergabe mitsamt ihrem beruflichen Hintergrund und ihrem Projekt vorgestellt und mussten auch selber ein paar erklärende Worte abgeben, was wir ganz toll fanden und der Bezug zu dem Möbel oder dem Entwurf erst richtig herstellte. Die besten drei Ergebnisse bekamen eine Auszeichung, und, als stolze Eltern muss ich das erwähnen, Fee gehörte dazu 🙂

Aber als wir gesehen haben, was für tolle Projekte auch die anderen Studenten dort vorgestellt haben, waren wir restlos begeistert. So viel Kreativität kombiniert mit handwerklichen Perfektionismus, Möbel, wo man denkt, man hat schon alles gesehen, doch nochmal anders interpretiert. Wahnsinnig gut. Z.B. Christopher, der auch völlig zu Recht einen Preis kassiert hat, hat einen Tisch entworfen. Ich selber kann seine Idee nicht mal ansatzweise ausdrücken, daher zitiere ich: „Desktop_B17 – Ein Schreibtisch entworfen von einem Algorithmus.
Der parametrische Tisch verzerrt unser gewohntes Wahrnehmungsraster und bewegt den Nutzer im wahrsten Sinne in eine neue Perspektive. Die Form wurde durch eine Programmierung generiert und gibt dem Tisch seine skulpturale Eigenart. Der rechte Winkel wurde bei dieser Formfindung ausgeschlossen und ist lediglich als optische Illusion an der Tischplatte wahrnehmbar – als Rudiment des ursprünglichen Rechtecks… Der parametrische Tisch verzerrt unser gewohntes Wahrnehmungsraster und bewegt den Nutzer im wahrsten Sinne in eine neue Perspektive.“  Irre, oder? Und was dabei herauskam ist ein Tisch, der keinen rechten Winkel hat, bei dem man auf die Suche geht, herumläuft, sich hinkniet, Winkel denkt zu finden und von der Zusammensetzung der Formen absolut fasziniert ist. Wer mag kann sich hier seine Projektdokumentation „Raster geht immer“ dazu durchlesen.

Oder Nico. Nico Falck hat ein Sofa gebaut, das die heutige, erforderliche Mobilität kombiniert mit einem Stück Heimat darstellen soll. Ein Sofa in der Kiste, sozusagen. Schnell eingepackt und mitgenommen, aber trotzdem das gemütliche Nest immer dabei. Tolle Idee! Oder der Grafik Chair von Jonas: „Durch sein Design zeichnet sich der Graphic Chair mit seinem grafischem und winkligem Auftreten stark aus, und bietet durch seine breite Sitzfläche eine angenehme Sitzpositzion und zur Rückenlehne einen optimalen Sitzkomfort, der durch die Polsterung unterstützt wird.“

Wenn ich mir das alles so anschaue habe ich keine Angst, das das Handwerk aussterben wird. So tolle junge Leute, die sich den Kopf darüber zerbrechen, wie man das Leben stylisch aber doch mit der handwerkliches Basis gestalten kann. Die Akademie der Gestaltung unter der Leitung von Constanze Unger, Dipl. Desigerin, die es unglaublich gut versteht, die Studenten dabei zu begleiten, neue Wege in ihren eigenen Köpfen zu finden, bildet eine fantastische Grundlage für angehende Gestalter, Designer, Handwerker – Menschen, die einfach alles zusammen sein werden. Das ist doch großartig und das brauchen wir.

Ich würde mich freuen, wenn viele von Ihnen noch die Meisterprüfung anhängen, um die Qualität des Handwerks auch auf Dauer hochzuhalten und sich dem  irrsinnigen Preiskampf, den es oftmals auf dem Bau gibt, mit Intelligenz und handwerklichem Können entgegenzustellen. Kaum ein Job ist so vielseitig, wie ein Handwerk selbständig zu betreiben. Man muss kreativ und handwerklich 1a sein, logisch, aber dabei auch Unternehmer sein, mit den Zahlen umgehen lernen, Mitarbeiter anweisen, Azubis ausbilden, mit den verschiedensten Kunden zusammen arbeiten, bestenfalls ein social media Profi werden, täglich bereit sein, sich auf neue Situationen einlassen, Lösungen finden und, und, und ….. Handwerker sein, das heißt ein Leben ohne Langeweile zu führen aber dafür in der Lage zu sein, für sich und andere etwas zu machen, zu bauen, zu gestalten. Was gibt es Besseres? Ich freue mich so, diesen kreativen jungen Menschen kennen gelernt zu haben und ich bin sehr gespannt, was sie uns noch alles präsentieren werden.

Ich werde berichten,

Ihre Ursula Kohlmann

PS: ich habe neue Seminartermine angesetzt. Wenn sie so rasant schnell ausgebucht sind wie beim letzten Mal sollten Sie ich flott Ihren Platz sichern 🙂

 

 

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